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Schreibnacht: Gemeinsam schreibt sich’s weniger allein

Die leere Seite des Editors ist blütenweiß, die kalte Februarnacht da draußen ist schwarz und der Kopf ist voller bunter, herumflatternder Ideen. Das sind die Zutaten für einen Text, der bei einer Schreibnacht entsteht. Doch erst durch clevere Selbstüberlistung gemeinsam mit anderen Gleichgesinnten geschieht etwas zauberhaftes. Ein Erlebnisbericht

Was uns vom Schreiben abhält

Texte schreiben sich unglücklicherweise nur selten auf magische Weise ganz von alleine. Ob Roman, Kurzgeschichte, Gedicht, Hausarbeit oder um Sachtext, meist ist der inhaltliche Aspekt beim Schreiben dabei nicht das Kernproblem. Denn wenn die Idee für den entstehenden Text noch nicht steht, ist es womöglich einfach noch zu früh zum Schreiben.

Und falls die Rahmenbedingungen nicht stimmen, also wenn einem etwa das Baby ins Ohr quäkt oder sich das Heißgetränk über die Tastatur ergießt, dann ist so eine leere Seite momentan nicht das dringlichste Problem.

Motivation, Baby!

Das Problem mit dem noch ungeborenen Text vielmehr ein inneres. Etwas in unseren Köpfen hält uns davon ab, diesen neuen Text in größtmöglicher Eloquenz auszuformulieren. Dahinter kann beispielsweise die Angst vor dem leeren Blatt stecken. Oder dass uns die Motivation fehlt, endlich loszulegen, dranzubleiben und die Schreibphase irgendwann erfolgreich abzuschließen.

Gegen mangelnde Motivation hilft manchen ein klares Ziel vor Augen, eine ganz konkrete oder immaterielle Belohnung oder wahlweise drakonische Strafen. Viel verträglicher kann es dagegen sein, eine äußere und gleichermaßen soziale Lösung für das innere Problem zu finden.

Die Idee von der Schreibnacht

Eine solche soziale Lösung für mehr Schreibmotivation hat Autorin Jennifer Jäger gefunden. Über das Internet verbunden, zelebrieren seitdem unzählige Gelegenheits-, Amateur-, Zwangs- und Profischreiberlinge zu bestimmten Abenden den Akt des Schreibens gemeinsam, damit jeder weniger mit seinem Text allein ist.

Viele kennen vergleichbares vom Sport: Der zum Jahresanfang teuer abgeschlossene Fitnessstudio-Vertrag ruft neben einem gewissen Zwicken auf dem Konto gleichzeitig die noch viel schmerzhafteren Gewissensbisse im Hinterkopf hervor. Wie viel leichter gelingt es, die Neujahrsvorsätze für mehr Sport und eine gesündere Lebensweise in die Tat umzusetzen, wenn wir einen “Buddy” haben, um uns sportlich – oder eben schreibend – zu betätigen.

Schreibnacht als Plattform

Zunächst ist da die Website schreibnacht.de. Hier gibt es für registrierte Mitglieder jede Menge Foren, die auch äußerst rege genutzt werden.

Zusätzlich zu den Foren gibt es auf der Schreibnacht-Website auch einen Chatraum, wo man ein bisschen in Echtzeit miteinander quatschen kann. Es gibt eine Facebook-Seite, mit der wohl damals alles anfing und natürlich den Hashtag #Schreibnacht auf Twitter. Denn Autorinnen und Autoren – Büchermenschen überhaupt – lieben Twitter!

Wer bei der Schreibnacht mitmachen darf, ist in keiner Weise beschränkt. Überraschend ist vielleicht, dass die Teilnehmerschaft offenbar in der absoluten Mehrheit weiblich ist. Davon abgesehen, geht es bei der Schreibnacht quer durch alle Altersgruppen – von Studierenden mit bald fälliger Hausarbeit über Hobby-Autorinnen als Selfpublisher bis hin zu hauptberuflich schreibenden Romanautorinnen oder sonstigen Texthandwerkern.

Wie läuft so eine Schreibnacht ab?

Eine Schreibnacht beginnt typischerweise um 20 Uhr mit einer Promi-Autorin, die als Stargast in einem speziellen Unterforum Fragen beantwortet. Dann wird die Schreibnacht zu jeder vollen Stunde von den Initiatorinnen mit einer neuen Etappe und jeweils einer neuen Aufgabe fortgesetzt, bis schließlich um 3 Uhr auch die letzten Tapferen ins Bett gehen.

Wer mag, beteiligt sich am jeweiligen Diskussionsstrang oder gibt wahlweise Statusmeldungen, Anfeuerungen oder Durchhalteparolen bei Twitter ab. Oder aber man behält seinen aktuellen Satzbehälterstand für sich und schreibt einfach für sich.

Hinzu kommen typische Schreibnacht-Rituale wie der obligatorische “Gute Nacht”-Thread und ein Schreibnacht-Abzeichen, das man sich ab etwa halb elf per Mausklick abholen kann – quasi als Sternchen fürs eigene Fleißheft.

Alles nur Prokrastination?

Von den angesetzten 50 Textproduktionsminuten pro Stunde geht wohl ein nicht unbeträchtlicher Anteil der Zeit und Aufmerksamkeit für Forenbeiträge, Kätzchenorakel und Twitter drauf. Als Außenstehender könnte man also annehmen, das wäre alles nur virtueller Ablenkungsmagnet, der einen nicht etwa zum Schreiben hinführt, sondern weiter vom eigentlichen produktiv Schreibfluss weg zieht.

Tatsächlich zieht es an einem, dieses Schreibnacht-Rahmenwerk. Es hebt einen immer wieder hoch auf die gemeinsame Meta-Ebene der schreibenden Zunft. Manche setzen auf Ironie, um wieder ein wenig Distanz von ihrem Werk zu gewinnen, machen sich damit ein wenig kleiner und damit auch nahbarer für die anderen. Schließlich essen wir doch eh alle nur Kinderschokolade und trödeln auf Twitter rum:

Und dieses Prokrastinieren ist gut so, denn dabei handelt sich um das Gegenteil von Faulheit. Vielmehr hat all das Methode. Denn genau durch diese bunte Mischung aus Blödelei, ironischer Distanz, Verbrüder- bzw. eher Verschwesterung, einer Prise Wettbewerb und den (immerhin freiwillig gewählten) Unterbrechungen bekommt die Schreibnacht eine Dynamik, die einen voranbringt.

Qualität oder Quantität?

Die Schreibnächtler sind Geschwister im Geiste, was auch eine gewisse geschwisterliche Rivalität mit sich bringt, beispielsweise bei den “Schreibnacht Wordwars”. Hier spornen sich die Teilnehmer(innen) zu quantitativen Höchstleistungen an und messen sich gegenseitig an ihren zumeist hohen dreistelligen Wortzahlen pro Runde.

Die absolute und relative Schreibgeschwindigkeit spielt also (nicht nur bei der Schreibnacht) für viele eine wichtige Rolle. Statt lange herum zu überlegen, schreiben sie lieber einfach drauflos. Dieser Ansatz kann ungemein befreiend wirken – gerade, wenn einen die eigenen Qualitätsansprüche ansonsten gnadenlos herunterdrücken würden.

Geplottet wurde ohnehin bereits zumeist im Vorfeld, und die Überarbeitung gilt selbstverständlich als separater Arbeitsschritt. Die meisten Teilnehmerinnen arbeiten an fiktionalen Texten – da ist zu Anfang der Handlungsfluss ohnehin wichtiger als die Beschaffenheit jedes Kieselsteinchens am Flussufer.

Hindernisse überwinden

Ganz für sich und mit sich allein zu schreiben kann sich manchmal durchaus etwas gruselig anfühlen. Doch woher kommt dieses irrationale Gefühl? Auch ich stelle fest, wie schwer es mir oft fällt, einfach nur für mich zu schreiben – ohne Schuldgefühle gegenüber anderen Projekten, die im Zweifelsfall eben einen Abend länger warten müssen.

Doch in der Gruppe – und sei es nur eine virtuelle – lässt sich diese Zaghaftigkeit leichter überwinden – einen Abend lang zumindest. Es ist nun kurz nach Mitternacht; Immer mehr Schreibende klinken sich aus. Der größte Feind der Schreibnacht ist offenbar die Müdigkeit, dicht gefolgt vom eigenen Ehrgeiz. Letztendlich ist eine solche Schreibnacht für viele keine Spaßveranstaltung, sondern eher ein Wettkampf – mit sich selbst.

Mein persönliches Fazit

Mit dem heran nahenden Sonntagmorgen dämmert bei mir die Erkenntnis, dass nicht jeder Text, der in einer Schreibnacht entsteht, bereits im Vorhinein einen Mindestumfang, ein Ziel oder gar eine Zielgruppe haben muss. Vielmehr kann einem die Schreibnacht die Angst vor dem leeren Blatt nehmen und die Freude am Schreiben (zurück) bringen.

Mit den richtigen Vorzeichen kann das Schreiben ein Genuss sein und nicht nur ein schmerzhafter Geburtsprozess, bei dem womöglich erst ganz zum Schluss ein paar Endorphine ausgeschüttet werden. Mit wunderbaren Ideen wie der Schreibnacht können wir Umstände, die unser Schreiben einengen  – wie eine voreilig zugesagte Abgabefrist oder die eigenen überhöhten Ansprüche – etwas entgegen setzen. Eine soziale Plattform und die zauberhafte Verbindung mit Gleichgesinnten schafft beste Voraussetzungen für einen künstlerisch-kreativen Prozess. Dann müssen wir nur noch zulassen, dass das Schreiben naturgemäß auch mal weniger kunstvoll und ideenärmer sein darf, und siehe da!

Meine erste Schreibnacht war für mich der erste Schritt zum Schreiben als ergebnisoffenem Experiment und damit zu mehr Genuss. Alles weitere wird sich von alleine finden – zu gegebener Zeit. Und zu gegebener Zeit wird die nächste Schreibnacht stattfinden, und ich werde hoffentlich wieder dabei sein können.

Bildnachweis: Schreibnacht.de, Imageflip.com, memegenerator.net

In Kategorie: Kollaboratives Schreiben, Schreiben, Social Media, Veranstaltung

Über den Autor

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Als Vermittler zwischen Mensch und Technik verfüge ich über jahrelange berufliche Erfahrung in unterschiedlichen Rollen des agilen Software-Entwicklungsumfelds – als Technischer Redakteur, IT-Trainer und Consultant sowie als freier Autor. Als Dozent an der Technischen Hochschule Mittelhessen vermittle ich Methoden und Werkzeuge für eine agile Technikredaktion. Als Scrum Master unterstütze und berate ich Software-Entwicklungsteams. Mein Herz schlägt für agile Arbeitsweisen, kollaborative Werkzeuge und Schreibprozesse der nächsten Generation, für Sachtexte und deren Wirkung, aber auch für Sprache – insbesondere wenn's um das Vorlesen geht. Vorsicht, Lesegefahr!

4 Kommentare

    • Martin Häberle

      Der bei der Schreibnacht entstandene Text ist im Wesentlichen dieser Blogbeitrag darüber (nur ist der ursprüngliche Text mindestens dreimal weitschweifiger und voller Gedankensprünge). 😀

  1. Ich kann dich sooo gut verstehen! Alles wird professionalisiert, mit jedem Hobby muss noch Geld verdient werden (ich dachte immer, ein Hobby kostet halt Geld) und schreiben oder lange Posts lesen mag auch nur noch eine Minderheit. Aber es gibt uns die lesende und/oder schreibende Minderheit, die nicht nur Bildchen gucken und Herzchen verteilen mag. Herzliche Grüße, Corali

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